Edwin E. Gordons Music Learning Theory
Walter Rehorska führte mit Almuth Tappert-Süberkrüb das folgende Gespräch

Frau Tappert-Süberkrüb, Ihre Präsentation befasste sich mit der Music Learning Theory Edwin Gordons. Wer ist Edwin Gordon?
Edwin Gordon ist einerseits – durch die vielen von ihm entwickelten Aptitude - und Achievement-Tests – in musikpsychologischen Kreisen bekannt , andererseits – vor allem durch seine Music Learning Theory – bei Musikpädagogen. Er zählt zu den wenigen Wissenschaftlern, die eine enge, sich wechselseitig bedingende Verknüpfung zwischen musikpädagogischer Praxis und empirischer Forschung herstellen. Gordon ist jedoch nicht nur ein sensibler Musikpädagoge und erfahrener Forscher, sondern gleichzeitig auch ein in unterschiedlichen Stilrichtungen versierter Musiker. Er erhielt seine Ausbildung an der Eastman-School of Music in Rochester/NY und war neben Aktivitäten als Kontrabassist im klassischen Bereich unter anderem auch Bassist in der Gene Krupa Band.
Was mich in Gesprächen und in der Zusammenarbeit mit ihm immer wieder fasziniert, sind seine klaren musikpädagogischen Ziele, deren Entwicklung und Umsetzung er als eine Lebensaufgabe sieht und für die er kompromisslos eintritt. Ihm ist es ein Anliegen, dass Schülern im Musikunterricht die Entwicklung einer Audiationsfähigkeit ermöglicht wird.

Was versteht man unter „audiation“?
Audiation ist ein Begriff, der von Gordon in den 70er Jahren geprägt und definiert wurde. Seine Definition lautet: „audiation: hearing and understanding music without physical sound“. Einfacher gefasst könnte man audiation auch als „Denken in Musik“ bezeichnen. In Ermangelung eines Äquivalents wird auch im Deutschen der Begriff Audiation mit dem Verb auditieren (to audiate) verwendet. Die Entwicklung einer Audiationsfähigkeit bildet den Kern der von Gordon entwickelten Music Learning Theory. In seiner Lerntheorie folgt Gordon der Maxime „sound before sight“, was bedeutet, dass im Lernprozess zunächst ein hörendes Verstehen und erst im späteren Lernverlauf eine Beschäftigung mit Notation stattfindet. Gordon beschreibt ein stufenweise aufbauendes System, bei dem anhand rhythmischer und tonaler Patterns Audiationsfähigkeit entwickelt und auf diese Weise musikalisches Grundlagenwissen aufgebaut wird.
Ein zweiter Bereich, dem in Gordons wissenschaftlichem Wirken eine entscheidende Rolle zukommt, ist der des musical aptitude (des musikalischen Potenzials). Im Hinblick auf die Unterrichtspraxis ist das jeweilige musikalische Potenzial des Schülers insofern von Bedeutung, als Gordon die Notwendigkeit hervorhebt, innerhalb einer Lerngruppe auf unterschiedlichen musikalischen Leistungsniveaus zu unterrichten. Um dies zu ermöglichen, stellte er für den praktischen Gebrauch im Unterricht eine Sammlung von Patterns mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden zusammen. Mit dieser Vorgehensweise soll Schülern mit differierenden musikalischen Potenzialen entsprochen und eine günstige Förderung des Einzelnen ermöglicht werden. Die Möglichkeit individueller Förderung halte ich im schulischen Musikunterricht für sehr wichtig, da Lerngruppen aus Schülern mit unterschiedlichsten Voraussetzungen zusammengesetzt sind. Diese Unterschiede werden oft zum Problem im Unterricht. Mit Gordons Music Learning Theory sehe ich eine Chance, der Herausforderung dieses Problems zu begegnen.

Welche Möglichkeit gibt es für einen Lehrer, das musikalische Potenzial seiner Schüler zu ermitteln?
Aufschluss über das jeweiligen musikalische Potenzial des Schülers geben Aptitude-Tests. Gordon entwickelte unterschiedliche Tests jeweils in zum Teil sehr aufwendigen Verfahren über mehrere Jahre hinweg. Da er den Standpunkt vertritt, dass das musikalische Potenzial ungefähr bis zum neunten Lebensjahr entwickelbar ist und sich erst anschließend verfestigt , hat Gordon für das Entwicklungsstadium und das stabilisierte Stadium von aptitude jeweils unterschiedliche Tests entwickelt. Für aptitude im Entwicklungsstadium hat Gordon die Tests „Primary Measures of Music Audiation“ (PMMA) und „Intermediate Measures of Music Audiation“ (IMMA) entwickelt. In dem Stadium des stabilisierten musikalischen aptitude finden „Advanced Measures of Music Audiation“ (AMMA) und das „Musical Aptitude Profile“ (MAP) Verwendung.

Gibt es bereits Erfahrungen mit bzw. Ergebnisse über Gordons Music Learning Theory?
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es verschiedene Studien und Aufsätze, die sich kritisch mit Gordons Lerntheorie auseinandersetzen. Aber auch Gordon selbst versucht durch seine rege Forschungstätigkeit, immer detailliertere Informationen zu diesen Themen zu erhalten. Die Forschungsergebnisse berücksichtigt Gordon einerseits bei Veränderungsvorschlägen hinsichtlich seiner Theorie, andererseits im Rahmen seiner Unterrichtspraxis. Durch das Zusammenspiel von Theorie und Praxis gab Gordon seiner Lerntheorie eine aus der Praxis heraus entwickelte, gleichzeitig aber auch wissenschaftlich fundierte Grundlage. Für Musiklehrer ist es gerade beim Aufbau musikalischer Grundlagen hilfreich, lernpsychologisch fundierte, systematisch entwickelte und erprobte Vorschläge für die Entwicklung eines Musikverstehens zu erhalten. So wird ihnen die Möglichkeit gegeben, die im Rahmen des Musikunterrichts teilweise recht eng bemessenen zeitlichen Möglichkeiten optimal zu nutzen, um solide musikalische Grundlagen aufzubauen.
Es gibt auch vielfältige praktische Erfahrungen mit der Music Learning Theory. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Schüler den Unterricht sehr lebendig mitgestalten und auch Schüler, die bisher wenig Interesse zeigten, plötzlich musikalisch aktiv werden. Ich habe in einer sechsten Klasse die Erfahrung gemacht, dass beim Thema „HipHop“ und den in diesem Zusammenhang erfolgten Versuchen eigenen Rap-Gesangs die Patternübungen und die von Gordon vorgeschlagenen Rhythmussilben als hilfreich empfunden wurden.
Ein Lehrer, der nach vielen Jahren Unterrichtserfahrung erstmals nach der Music Learning Theory unterrichtete, war positiv überrascht, dass nahezu alle Kinder im Unterricht ständig aktiv waren und er in dieser Klasse kaum Disziplinprobleme hatte. Auch sagte er, dass sich beim Singen die Intonation deutlich verbesserte habe, ohne, dass er explizit auf dieses Probleme hinwies.

Das klingt alles sehr vernünftig und logisch; Musikerzieher werden aber auch oft mit „neuesten Unterrichtsmethoden“ konfrontiert, die etwas „guruhaftes“ an sich haben und quasi als „exklusive Erkenntnis“ vermittelt werden. Besteht nicht auch hier – wie in vielen anderen Bereichen – diese Gefahr?
Gordon weist in Kursen und Vorträgen immer wieder darauf hin, sich einerseits kritisch-hinterfragend, andererseits praktisch-erprobend mit der Theorie zu befassen. Ebenso empfiehlt er, Neues behutsam in vertraute Unterrichtsweisen zu integrieren und keine plötzlichen „Rundumveränderungen“ vorzunehmen. Eine gedankliche Offenheit und Fragehaltung und das Bewusstsein für die Unabschließbarkeit von Erkenntnisprozessen zeichnen nicht nur Gordons allgemeines Denken aus, sondern bei genauem Hinschauen auch viele seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Dies scheint auf den ersten Blick erstaunlich, wenn man die von ihm entwickelten Tests und seine Forschungen betrachtet, die sämtlich durch experimentelle Studien erarbeitet und statistisch ausgewertet wurden. Bei genauer Lektüre der jeweiligen Entwicklungsschritte seiner Tests wird jedoch deutlich, dass ein entscheidender Aspekt seiner Forschung darin liegt, durch diese Studien stets neue, tiefergehende Fragen eröffnet zu sehen, denen es nachzugehen lohnt.

...also keine Heilslehre, aber doch ein grundlegend neuer musikpädagogischer Aspekt?
Gordon bietet der Musikpädagogik etwas Neues an, jedoch ist der grundlegend neue Aspekt an seiner Lerntheorie nicht in dem Versuch zu sehen, überhaupt ein Angebot für den Aufbau musikalischer Grundlagen zu machen. Konzeptionen für eine Grundlagenentwicklung gibt es in jeweils unterschiedlicher Qualität mehrfach. Neu ist vielmehr der systematische Aufbau: Dieser ist lernpsychologisch durchdacht, wissenschaftlich von Gordon untersucht und immer wieder hinterfragt und außerdem in der Praxis erprobt.
Ich habe bereits das Problem angedeutet, dass Gordons Patternübungen, die den Kern seiner Music Learning Theory bilden, nur einen Teilaspekt musikalischen Lernens ausmachen. Neben der Entwicklung von musikalischen Grundlagen sind jedoch auch viele andere Dimensionen von Musik im Unterricht zu berücksichtigen, auf die ich an dieser Stelle jedoch nicht näher eingehen kann. Es sei nur so viel gesagt, dass nach meiner bisherigen Erfahrung mit der Music Learning Theory eine Verbindung mit nahezu allen anderen Aspekten des Musiklernens bei entsprechender Vorgehensweise und kreativem Umgang relativ problemlos möglich ist.

Wie sehen sie Gordons Music Learning Theory in Bezug auf die Anwendung in so unterschiedlichen Schularten wie „Allgemein bildende Schulen und Musikschulen?
Die Entwicklung einer Audiationsfähigkeit ist sowohl im Musikunterricht an allgemein bildenden Schulen als auch im instrumentalen Einzel- und Gruppenunterricht als Grundlage allen musikalischen Lernens sinnvoll. Gordon geht es beim Auditieren um die Entwicklung des „Instrumentes im Kopf“, durch welches der jeweils widerzugebende Klang vorgedacht und verstanden wird. Diese klangliche Vorstellung kann dann sinnvoll auf das jeweilige Instrument übertragen werden. Da die Entwicklung dieses „Instrumentes im Kopf“ zunächst jedoch keiner speziellen realen Instrumente bedarf, kann man auch im Musikunterricht an allgemein bildenden Schulen viele Schritte auf dem Weg des Musikverstehens voranschreiten. Gerade, weil Gordons Patternübungen einen für hörenden und musizierenden Umgang mit Musik zentralen Teilbereich betreffen, eröffnen sich auf diesem Fundament zahlreiche Möglichkeiten einer weiterführenden musikalischen Beschäftigung.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Lehrer können in ihren Unterricht jeweils für etwa 10 Minuten (nach der vorgeschlagenen systematischen Vorgehensweise) Patternübungen einbauen und alle weiteren Unterrichtsaspekte wie bisher beibehalten. Erfahrungen, welche die einzelne Lehrperson mit den Patternübungen macht, können dann (zu einem der Lehrperson geeigneten Zeitpunkt) weitere Veränderungen im Unterrichtsgeschehen herbeiführen. Für mich war diese Möglichkeit der schrittweise verlaufenden Annäherung an die neuen Ideen sehr gewinnbringend, da ich Vertrautes mit Neuem verbinden konnte. Die Umsetzung der Patternübungen erfordert vom Lehrer ja auch zusätzliche Vorbereitungszeit, so dass es angenehm ist, zumindest in einigen Unterrichtsphasen auf bekannte Inhalte und Vorgehensweisen zurückgreifen zu können. Ein Verbindungsbeispiel für den Klassenunterricht an allgemein bildenden Schulen habe ich im Rahmen meiner Dissertation erarbeitet. Es ging mir darum, eine günstige Verknüpfung des Aufbaus musikalischer Grundlagen mit hermeneutischem Verstehen zu ermitteln, wobei das anvisierte Ziel die Fähigkeit eines „Denkens in Musik“ und eines selbstständigen Reflektieren- und Beurteilen-Könnens musikalischer Phänomene war. Diese Art des Musiklernens soll den zahlreichen Dimensionen der Musik sowie unterschiedlichen Rezeptions- und Produktionsweisen gerecht werden und zu einem vieldimensionalen Verstehen führen. So selbstverständlich, wie die meisten Menschen mit Sprache umgehen, wäre dies auch im Umgang mit Musik wünschenswert. Dies setzt jedoch voraus, dass Menschen die Entwicklung einer Fertigkeit des „Denkens in Musik“ ermöglicht wurde. Mir ist die hohe Zielsetzung einer solchen Verstehensweise durchaus bewusst, ich halte sie jedoch – mit Abstrichen, die vor allem in der Praxis immer wieder notwendig sind, – für möglich. Für mich war und ist die Begegnung mit Gordons Music Learning Theory sowohl auf der unterrichtlichen als auch auf der künstlerischen Ebene ein großer Gewinn. Im Schulunterricht ist mit diesem Ansatz ein aktiverer, auch praktisch-musizierender Umgang möglich. Im Instrumentalunterricht wird ein verstehender Umgang gefördert, wodurch auch Bereiche wie Improvisation vermehrt Teil des Unterrichts werden können. Schülern wird eine Unabhängigkeit vom Notentext ermöglicht und andere Dimensionen der Musik können erschlossen werden. Die Entwicklung einer Audiationsfähigkeit spielt aber nicht nur für die Schüler sondern auch für Profimusiker eine entscheidende Rolle, so dass Lehrer auch für sich selbst von dieser Vorgehensweise profitieren.
Almuth Tappert-Sueberkrueb - Referat April 2002 in Graden/Koeflach

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Literaturhinweise

Ausgewählte Schriften von E. Gordon:
Bücher (wenn nicht anders angegeben erschienen bei GIA, Chicago)

    * The Psychology of Music Teaching, Englewood Cliffs, 1971
    * Learning Sequences in Music: Skill, Content, and Patterns. A Music Learning Theory, 1980, 1997
    * Musikalische Begabung. Beschaffenheit, Beschreibung, Messung und Bewertung, Mainz 1986
    * The Nature, Description, Measurement and Evaluation of Music Aptitudes, 1987
    * A Music Learning Theory for Newborn and Young Children, 1990, 1997
    * Gordon, E. / Woods, D.: Jump Right In: The Music Curriculum, Rhythm Register Book one and two und Tonal Register Book one and two, 1990
    * Preparatory Audiation, Audiation, and Music Learning Theory: A Handbook of a Comprehensive Music Learning Sequence, 2001

Ausgewählte Literatur über Gordon und seine Music Learning Theory:

    * The Quarterly, Volume II, Numbers 1&2 Spring/Summer 1991, Greeley, 1991.
      Diese beiden – Edwin Gordon gewidmeten – Bände der Zeitschrift sind eine Zusammenstellung kritischer Würdigungen des Werkes Edwin Gordons.
    * Tappert-Süberkrüb, Almuth: „Music Learning Theory“ Edwin Gordons Theorie des Musiklernens, in: Diskussion Musikpädagogik 2/1999, S. 75-98
    * Gerhardstein, Ronald: Edwin E. Gordon: A biographical and historical account of an american music educator and researcher, Doctoral Diss., Temple University Philadelphia, 2001.